Jugendarbeit geht fair! – Entwicklungspolitisches Lernen am Beispiel FAIRES JUGENDHAUS

Plakette Faires Jugendhaus

Was haben Bonn, Berlin, Dinslaken und 472 andere bundesweite Städte gemeinsam? Sie sind Fair Trade Towns, Kommunen, die sich gezielt engagieren, den Einsatz und Verkauf von Produkten aus fairem Handel auf lokaler Ebene zu fördern.

Neben fairen Kommunen gibt es Fair Trade-Schools, die das Thema des gerechten Welthandels in den Unterricht und das Schulkonzept einfließen lassen. Aber was ist mit Fairen Jugendeinrichtungen? Die gab es bislang noch nicht. Eine Initiative in der Evangelischen Jugend im Rheinland hat diesen Sachverhalt aufgegriffen und eine Kampagne für ein Faires Jugendhaus gestartet. Ausgehend vom Grundgedanken der Fair Trade Towns und Schools, durch Fairen Handel als Konsument im Kleinen Verantwortung für die eine Welt zu übernehmen, wurde eine Initiative für Jugendfreizeiteinrichtungen gestartet. Dabei grenzt sich die Kampagne jedoch von dem Fair Trade Siegel, um das es öffentliche Diskussion gibt[1],  ab und entwickelt ein eigenes Label. Das Label Faires Jugendhaus orientiert sich an den Richtlinien der Fairhandelsorganisationen, die mit Produktionsgenossenschaften und Vermarktungsorganisationen zusammenarbeiten. Eine solche Organisation ist beispielsweise die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt mbH (GEPA). Die GEPA wurde 1975 als Non-Profit-Unternehmen von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (AEJ) mitgegründet. Die AEJ ist seitdem eine von ausnahmslos kirchlichen Entwicklungs- und Jugendorganisationen Gesellschafter_innen.[2] Grundsätzlich geht es den Fair Trade Handelshäusern wie der GEPA um den Aufbau und die Gestaltung von langfristigen fairen Handelsverbindungen. Faire Handelsbedingungen beinhalten die Einhaltung von Arbeitsstandards der internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die Zahlung von fairen Preisen, die den Produzent_innen die Deckung der Lebenshaltungskosten ermöglichen und gleichzeitig eine langfristige Perspektive für Anbau und Produktplanung gewährleisten. Darüber hinaus werden über den Preis Projekte gefördert, die  die regionale gesundheitliche Versorgung, Bildung und Infrastruktur verbessern und ebenso Landwirtschaften, die nach biologischen Richtlinien arbeiten. Bei der Verwendung von Prämien entscheiden Kooperativen über den Einsatz der Mittel für die Errichtung einer Krankenstation, die Instandsetzung einer Brücke, dem Einsatz im Bildungsbereich oder einem anderen sozialen Projekt.

In diesem Beitrag soll der handlungsorientierte Ansatz entwicklungspolitischen Lernens im Bereich der Jugendarbeit am Beispiel Faires Jugendhaus dargestellt werden.

Zwei Jahre lang erarbeitete in der Evangelischen Jugend im Rheinland eine Projektgruppe Standards, Label und Zertifizierung. Bildungsveranstaltungen zum Thema Wirtschaften für das Leben mit Praxisbeispielen zum Fairen Jugendhaus sowie Dialog und Austausch mit Vertreter_innen der Jugendfreizeiteinrichtungen begleiteten diesen Prozess. Auf der Delegiertenkonferenz der Evangelischen Jugend im Rheinland konnten im Frühjahr 2017 Jugendhäuser in Schermbek und in Wesel mit ersten Zertifikaten ausgezeichnet werden.  Mit selbstgebautem Verkaufsrad sind Jugendliche aus dem Schermbeker  YOU auf dem örtlichen Marktplatz anzutreffen, um in der Vorweihnachtszeit fair gehandelte Schokoladennikoläuse zu verkaufen. In Wesel schlüpfen Jugendliche aus dem Jugendhaus Katakomben in Hasen- und Bananenkostüme, um auf der Straße Bananen aus fairer Produktion zu verschenken und über Anbau und Verkauf zu informieren. Es sind jedoch keinesfalls solche spektakulären Aktionen notwendig, um das Label Faires Jugendhaus zu erwerben. Mehr als um den Verkauf von bestimmten Produkten geht es um entwicklungspolitische Lernmöglichkeiten und der Auseinandersetzung mit den Fragen: Wo werden eigentlich welche Produkte hergestellt? Wer verdient was daran und wie sehen die Arbeitsbedingungen der Produzent_innen und Händler_innen aus? Sich mit solchen Fragen, beispielsweise bei der Produktion von T-Shirts oder Handys auseinanderzusetzen, ist Standard bei der Qualifizierung zum Fairen Jugendhaus. Ein anderer Punkt ist, ständig zwei Produkte aus Fairem Handel im Angebot zu haben. Das können im Offenen Treff Schokoriegel zum Verkauf ebenso wie faire Bälle als Ausstattungsmaterial der Kinder– und Jugendgruppen sein. Grundlegend gilt beim Konzept zum Fairen Jugendhaus der beteiligende Ansatz von Jugendlichen. Dazu braucht es Leute in der Einrichtung, die sich zusammentun und eine Strategie überlegen, wie sie den Fairen Handel in ihrem Haus einbringen und ihr Engagement durch Öffentlichkeitsarbeit bekannt machen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, angefangen vom Geschmackstest, über Kochen mit Zutaten aus Fairem Handel bis hin zum Fairen Frühstück auf Freizeiten. Möglich sind Aktionstage zum Thema „Kleidung & Klamotten“. Auch mit der Gestaltung eines Karnevalswagens oder einem FairRockt Festival haben Jugendeinrichtungen auf den Fairen Handel aufmerksam gemacht. Veganes Kochen oder das Herstellen vegetarischer Snacks mit Zutaten aus dem Garten und von den Bauern aus der Umgebung kann dazugehören, genauso wie Repair Cafés, Fahrradwerkstätten oder Upcycling-Workshops, in denen aus gebrauchten Sachen neues Design entsteht, wie beispielsweise Gürtel aus Fahrradreifen oder Geldbörsen aus Verpackungen. Jede Einrichtung entwickelt dabei ihren eigenen Stil. In der Weseler Jugendarbeit engagiert sich seit Jahren eine Eine-Welt-Gruppe, in der die 15 bis 17jährigen selbst entscheiden, welche Themen sie gerade aufgreifen. Im YOU gibt es regelmäßig „Kochen ohne Knochen“. Wenn dabei Mangold als Römischer Spinat im Blätterteigmantel selbst zubereitet wird, dann wird das Gemüse zum besonderen Renner unter Jugendlichen.

Bei all dem geht es darum, die richtige Balance zu halten. Auf der einen Seite besteht der Anspruch, sich gerechten, fairen Produktions- und Handelsbeziehungen zu stellen und auf der anderen sind ebenso nachhaltigen Wirtschaftskreisläufen in den Blick zu nehmen. Gleichzeitig können mit Lust und Interesse Fragen des Zusammenlebens in einer global vernetzten und zudem gegenseitig abhängigen Welt thematisiert werden.  Niederschwellig geschieht das in der Jugendarbeit, wenn sich soziale und ökonomisch prekäre Bedingungen des eigenen Aufwachsens vor Ort in Bezug zu weltweiten prekären Lebensbedingungen setzen lassen. Daher wurden für die Zertifizierung Standards mit einem Pflichtbereich für Fairen Handel und einem Wahlbereich für Nachhaltigkeit aufgestellt.

Zu den verpflichtenden Standards gehören die Entwicklung einer Fair Trade Strategie, das Angebot von Fair Trade Produkten, die jährliche Durchführung einer Fair Trade Aktion und die Öffentlichkeitsarbeit.  Die Entwicklung einer Fair Trade Strategie bezieht sich auf die partizipative Verankerung in der Jugendarbeit. Das heißt: In der Jugendeinrichtung  finden sich Jugendliche, Ehrenamtliche mit Hauptamtlichen zusammen und gründen ein Fair-Trade-Team.  Das Team entwickelt eine Strategie, in der festgelegt und beschrieben wird, wie der Faire Handel im Haus konkret umgesetzt werden soll.

So hat sich die Evangelische Jugend in Bad Honnef beispielsweise intensiv mit unfairen und fairen Arbeits- und Entlohnungsbedingungen in der Bekleidungsindustrie auseinandergesetzt. Ganz pragmatisch entwickelt sie einen Messestand mit Ausstellung und informiert über die Arbeitsbedingungen  in der Bekleidungsindustrie. An Siebdruckmaschinen laden sie auf Jugendcamp und Kirchentag Jugendliche ein, sich ein T-Shirt aus fairem Handel zu gestalten und „sich die Sache anzuziehen“.

Zweimal im Jahr sollen Fair Trade Aktionen im Programm der Jugendarbeit einen Platz bekommen. Die Evangelische Jugend in Kirn bietet Bands aus dem regionalen Umfeld gemeinsame mit anderen ein Bühne, die durch Essensangebote und Infostände zu Fairem Handel und nachhaltigem Leben erweitert wird. Das FairRockt Event[3] entwickelt sich mittlerweile zu einem festen Bestandteil der Jugendarbeit im ländlichen Raum. Dies zeigt, wie sich Jugendkulturen am Beispiel einer jugendlichen Musikszene mit dem Thema Nachhaltigkeit verbinden lassen.

Bei all dem geht es auch darum, Öffentlichkeit herzustellen, unter anderem bei der öffentlichen Auszeichnung mit dem Label. Mit der Plakette Faires Jugendhaus kommt einerseits öffentliche Demonstration des entwicklungspolitischen Engagements als Qualitätsstandard zum Ausdruck und andererseits verpflichtet die Auszeichnung, sich immer wieder neu mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Neben den verpflichtenden Kriterien nehmen die Wahlbereiche Fragen der Nachhaltigkeit in den Blick. Dabei wählt die Jugendeinrichtung aus vier möglichen Bereichen einen oder mehrere aus, in denen sie ihren Schwerpunkt setzen. Hier besteht die Auswahl zwischen den Schwerpunkten: Ökologie, global denken-lokal handeln, Ressourcennutzung und vegetarische, vegane Koch- und Essensangebote.[4]

Während es beim Schwerpunkt Ökologie um Lebensmittel aus bio-zertifiziertem Anbau geht, stehen beim Schwerpunkt „global Denken-lokal Handeln“ Produkte aus regionalen Wirtschaftskreisläufen im Vordergrund. So tragen Beispielsweise Lebensmitte mit kurzen Handelswegen zum Erhalt lokaler Arbeitsplätze bei. Sie weisen zudem einen erheblich kleineren ökologischen Fußabdruck aus, besonders dann wenn es sich um Erzeugnisse aus biologischem Anbau handelt. Der Schwerpunkt Ressourcennutzung beinhaltet die Auseinandersetzung mit der Langlebigkeit und dem weiteren Gebrauch von Produkten, denn eine lange Nutzungsdauer gedeutet ein geringerer Rohstoffverbrauch, der auch der Umwelt zu Gute kommt. Re- und Upcyling Workshops, Tausch-Börsen, Brauch-Bars oder Repair-Cafes lassen sich leicht in die außerschulische Bildung der Jugendarbeit aufnehmen und integrieren. Vegetarische oder vegane Koch– und Essenangebote bieten eine gute Kombination, um Geschmack und Lifestyle mit folgenden Fragen verbinden: Wie, unter welchen Umständen und mit welchen Folgen sind die Lebensmittel produziert, die gerade auf dem Teller landen? Dies geht auch ohne moralisch erhobenen Zeigefinger, wenn Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt und handlungsorientiertes Tun im Fokus des entwicklungspolitischen Lernens stehen.  Dieser Ansatz weitet den Blick vom individuellen Verhalten hinaus auf die eine Welt. Jugendfreizeiteinrichtungen sind institutionelle Räume für non-formales entwicklungspolitische Lernen. Als ganzheitliches Lernangebot geht es in diesen Jugendinstitutionen um die Erweiterung von Handlungsspielräumen. Es geht eher um Suchbewegungen des Möglichen denn um standardisierte Antworten auf die Frage: Was heißt gerechtes Handeln, wenn der Blick über den Tellerrand auf den Oikos, die eine bewohnte Welt gerichtet und gleichzeitig der Sozialraum und das direkte Umfeld Jugendlicher mitgedacht wird?

Zu kurzschlüssig greift die Annahme, junge Menschen würden sich nicht für entwicklungspolitische Themen interessieren. Jugendliche sind gerade gegenüber ungerechter Behandlung und Gerechtigkeit sensibel und dann inhaltlich besonders offen, wenn sie die Themen der entwicklungspolitisch-ökonomischen Zusammenhänge in Verbindung und zur Passung mit der eigenen Lebenswirklichkeit und den eigenen Wertmaßstäben bringen können. Am Beispiel der Handynutzung lässt sich beispielsweise eine Vielzahl von Subthemen wie gerechte Entlohnung, Einkommen und Lebensentwicklungsmöglichkeiten, Gesundheit am Arbeitsplatz, Wertschöpfungsketten, Nachhaltigkeit, aber auch Prestige und Image behandeln. Zu einer Reihe von Themen des entwicklungspolitischen Lernens liegen eine Vielzahl von Bildungsmaterialien und Anregungen zur inhaltlichen Auseinandersetzung vor.[5] Zudem existieren Informationsmaterialien zur Beschaffung nachhaltiger Produkte[6], die dazu dienen können sich zu orientieren und seriöse Anbieter_innen zu finden.

Mit der Kampagne Faires Jugendhaus knüpft die Evangelische Jugend im Rheinland an den Beschluss des Bundesjugendrings (DBJR) „Nachhaltig ökologisch und international – konsequent gefordert!“ an, in dem es heißt: „Der Deutsche Bundesjugendring, seine Mitgliedsorganisationen und deren Untergliederungen erkennen ihre Verantwortung als Konsumentinnen und Konsumenten an, nehmen sie wahr und orientieren sich an der Maxime des nachhaltigen und kritischen Konsums. Dazu gehört ein offensiver Einsatz für ökologische Nachhaltigkeit, welcher sich unter anderem in einer ressourcenschonenden Arbeits- und Wirtschaftsweise wiederfindet. Weiterhin haben die Jugendverbände in dieser Hinsicht eine Vorbildfunktion: In der verbandlichen Arbeit lernen Kinder und Jugendliche Handlungsmöglichkeiten kennen, um ihren Alltag bewusster zu gestalten und ihr Umfeld dementsprechend positiv zu beeinflussen.“[7] Der Beschluss des DBJR realisiert die Herausforderungen einer globalisierten mit einander vernetzten und begrenzten Welt in ihren Abhängigkeiten und asymmetrischen Machtverteilungen.  Jugendverbands- und Jugendarbeit werden damit zu institutionellen entwicklungspolitischen Orten des globalen Lernens, die dies zur Sprache kommen lassen und darüber hinaus eigene

Zusammenhänge in die Hand nehmen und unter Bezug auf Eine Welt gestalten. Was so anspruchsvoll klingt, wird im Fairen Jugendhaus ganz einfach praktisch.

 

Wilfried Drews

erschienen in: Baugerüst 3/2017

[1] Siehe http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-10/fair-trade-etikettenschwindel und http://www1.wdr.de/fernsehen/servicezeit/extramogelpackungxxlfairtrade100.html vom 04.05.2017. n

[2] Siehe GEPA: www.gepa.de/. Neben der gepa seine hier Fairhandelsgenossenschaft „Dritte Welt Partner“ (dwp e.G) und El Puente genannt, die mit Kleinbauernkooperativen und Familienbetriebe zusammenarbeiten.

[3] Siehe www.fairesjugendhaus.de

[4] Standards und Rückmeldebogen sind ausführlich als Download auf www.fairesjugendhaus.de eingestellt.

[5] Siehe: www.jugendhandeltfair.de auch https://www.brot-fuer-die-welt.de/gemeinden/jugend-konfirmanden/

[6] Siehe Beschuss der Delegiertenkonferenz der Evangelischen Jugend im Rheinland vom 13.-14.03.2010. auch: Zukunft einkaufen + Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst 2013.

[7] Beschluss des Deutschen Bundesjugendrings Nachhaltig ökologisch und international – konsequent gefördert! 87. Vollversammlung am 24./25.Oktober 2014 in Berlin.

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